Wo die Kunst zu Hause ist

Wo die Kunst immer schon zu Hause war

Die Provence –
Wo die Kunst immer schon zu Hause war

Dem Zauber des französischen Midi erlagen schon die Griechen und Römer. Die Städte und Siedlungen, die sie gründeten, wurden vor allem im Mittelalter um viele architektonische Schätze bereichert. Von jeher inspirierte die Provence Schriftsteller und Künstler. Besonders die Wegbereiter der Moderne und die Künstler des 20. Jahrhunderts ließen sich vom magischen Licht. Ein Licht, das die Landschaft und ihr Farbenspiel einem ständigen Wandel unterwirft. Mit ihren vielen Museen ist gerade die Côte d'Azur ein Wallfahrtsort für alle Liebhaber der klassischen Moderne geworden, sie wendet sich aber vermehrt auch der zeitgenössischen Kunst zu.

Päpstliche Theaterkulisse in Avignon

Päpstliche Theaterkulisse in Avignon

Das goldene Zeitalter der Stadt Avignon war ganz unbestreitbar das 14. Jahrhundert, als sie zur Hauptstadt der Christenheit avancierte und Künstler, Architekten, Kaufleute und Pilger anlockte. Sieben Päpste residierten von 1309 bis 1376 auf französischem Boden. Unter dem Pontifikat von Benedikt XII. und Clemens VI. wurde der Palast der Päpste in Avignon erbaut. Die Bauarbeiten zogen sich fast 30 Jahre hin. Streng genommen muss man von zwei Palästen sprechen: Unter Benedikt XII. entstand der „Alte Palast“ im strengen, nüchternen Stil, wie er für die Architektur der Zisterzienser typisch war. Clemens VI. baute großzügiger und ließ sich beim „Neuen Palast“ von der Gotik beeinflussen.

Päpstliche Theaterkulisse in Avignon
Das Jahrhundert der Päpste hat der Stadt ein reiches architektonisches Erbe hinterlassen. So reich, dass Avignon jeden Sommer zur prächtigen Theaterkulisse avanciert. Wenn im Ehrenhof des Papstpalastes beim „Festival In“ Theater gespielt wird, ist am nächsten Tag in allen Feuilletons der westlichen Welt darüber zu lesen. Das „Festival Off“, freier und innovativer, findet gleichzeitig anderswo statt: in Kirchen, Klöstern, Kneipen, Kellern, Schulen und natürlich auf der Straße.

Von den 13 Museen der Stadt Avignon ist das Musée Angladon unbedingt zu empfehlen. Es ist in einem besonders schönen Herrenhaus untergebracht und beherbergt Meisterwerke des 19. und 20. Jahrhunderts, die der Pariser Couturier Jacques Doucet zusammengetragen hat. Darunter sind Arbeiten von Degas, Picasso, Cézanne, van Gogh, aber auch Manet, Vuillard, Daumier, Sisley und Modigliani. Das van Gogh-Gemälde „Wagons de chemin de fer“ ist das einzige, das in der Provence von ihm zu finden ist.

Strahlend blaues Haus für die Antike in Arles

Die alte Stierkampfarena

Zugegeben: Ein ziemlicher Zeitsprung vom Jahrhundert der Päpste zurück in die Antike. Aber eine Reiseroute hält sich nicht unbedingt an die Chronologie der Geschichte. Und die Zeit der spätrömischen Kaiser war eben eine Zeit der kulturellen und wirtschaftlichen Blüte in Arles. Nicht umsonst handelte sich die römische Kolonie Arelate den Namen „Gallula Roma“ ein, das kleine Rom. Ausschlaggebend war, dass Caesar Massalia, das alte Marseille, vernichtet hatte und ein schiffbarer Kanal gebaut wurde, der Arelate mit der Rhône-Mündung verband. Schiffswerften wurden errichtet, der Handel blühte. Konstantin der Große erwählte Arelate zu seiner Lieblingsresidenz. Das antike Theater, die Arena, Straßen und ein Forum wurden gebaut. Der Wohlstand wuchs.

Musée de l’Arles et de la Provence Antiques
Die Stadt am Eingang zur Sumpflandschaft der Camargue wirkt heute an manchen Stellen wie ein lebendiges Museum, obwohl von der Baukunst der Römer nur ein Bruchteil übrig geblieben ist: das Amphitheater, Arena genannt und eines der größten des römischen Weltreichs, das antike Theater und die Bäder Konstantins. Ausgrabungen haben auch Reste eines antiken Zirkus freigelegt. Im Musée de l’Arles et de la Provence Antiques veranschaulichen Modelle das ursprüngliche Aussehen der antiken Monumente. Das Museum wurde nach zwölf Jahren Bauzeit 1995 eröffnet. Der peruanische Architekt Henri Ciriani wählte einen dreieckigen Grundriss. Das war die einzige geometrische Form, die die Römer nicht benutzt haben.

Rundgang auf den Spuren der berühmtesten Maler

Rundgang auf den Spuren der berühmtesten Maler
Und wieder ein Zeitsprung: Vincent van Gogh malte in Arles innerhalb weniger Monate 150 Bilder. Kein einziges befindet sich noch in der Stadt. Auch das „Gelbe Haus“, das er so liebte und in das er zunächst mit seinem Künstlerkollegen Paul Gauguin gezogen war, existiert nicht mehr. Es wurde 1944 von einer Bombe zerstört. Nur das Krankenhaus, in dem van Gogh behandelt wurde, nachdem er sich in seinem Wahn das Ohr abgeschlagen hatte, ist erhalten und inzwischen in ein modernes Kulturzentrum umgewandelt worden, das seinen Namen trägt. Nicht weit entfernt von Arles, in Saint-Remy-de-Provence, führt ein Rundweg zu den Plätzen, an denen van Gogh gemalt hat. Die Olivenhaine rund um den Ort gehörten zu seinen bevorzugten Motiven.
Das Atelier des Meisters
Entsprechend hält die Stadt Aix-en-Provence für Cézanne-Fans Vorschläge für einen Rundgang auf den Spuren des Malers bereit, der sich 1890 in Aix niederließ. Mehrere Wege sind vom Stadtzentrum aus gekennzeichnet und in verschiedenen Farben markiert. Einer führt zum Familienlandhaus Jas de Bouffan, das Cézannes Vater kaufte, als der Künstler 20 war. Hier hat Cézanne viele seiner bekanntesten Bilder gemalt: das Porträt seines Vaters, die Kastanienallee, natürlich den Berg Sainte-Victoire vom Park aus. Für das berühmte Bild der zwei Kartenspieler saßen ihm die Pächter des Gutsbetriebs Modell. Weitere Wege führen zu den Steinbrüchen von Bibémus und zu den Ufern des Arc. Das wichtigste, graue Hinweisschild weist Besuchern den Weg hinauf auf den Hügel von Lauves: zum Atelier des Meisters. Hinter dem Holztor liegt ein charmantes Häuschen inmitten eines verwilderten Gartens.
Eine beeindruckende Landschaft
Paul Cézanne arbeitete hier die letzten vier Jahre seines Lebens. Ein riesiges Fenster auf der Nordseite fängt das Licht im großen Atelierraum ein. Cézanne ließ die Bodenfliesen herausreißen und durch Parkett ersetzen, da sie das Licht zu stark reflektierten. Aus dem gleichen Grund wählte er für die Wände ein ganz besonderes Grau. Der Anstrich ist bis heute so erhalten. Trotzdem zog es den Maler oft nach draußen auf die Terrasse. Hier frönte er seiner Obsession und malte immer wieder beharrlich seinen Lieblingsberg Sainte-Victoire. Fast fünfzig Mal hat Cézanne ihn gemalt, viele der Bilder entstanden hier oben auf dem Hügel von Lauves. Auch das letzte, das er unbeirrt fertig malte, obwohl der Himmel sich verfinsterte. Auf dem Rückweg geriet er in ein schweres Unwetter und brach zusammen. Wenige Tage später starb er, 67-jährig.

Symbolik in kleinen Marmorsteinchen

Abtei in Ganagobie
Die Provence ist übersät mit romanischen Kirchen, Kapellen, Klöstern und Kreuzgängen. Die Gotik hatte in der Provence, anders als im Norden Frankreichs, kaum Durchsetzungskraft. Hier im Süden lässt Rom grüßen: Das antike Vorbild des Saalbaus mit Tonnengewölbe stand vielerorts Pate für Kirchenbauten. Die Harmonie der Proportionen, die strenge Gliederung durch Rundbögen, solides Baumaterial und perfektes Handwerk machen die Schönheit der provenzalischen Gotteshäuser aus. Sie bestehen meist aus einem einzigen Schiff mit halbrunder Apsis. Bei den wenigen dreischiffigen Kirchen wirken die Seitenschiffe schmal, fast verkümmert.

Die Abtei in Ganagobie zählt kunstgeschichtlich zu den Glanzlichtern einer Provence-Reise. Sie liegt ein gutes Stück nordöstlich von Aix-en-Provence, ist aber über die Autobahn parallel zum Flusstal der Durance gut zu erreichen (Ausfahrt: Peyruis). Anders als in Sénanque waren es nicht Zisterzienser, die das Kloster betrieben. Der Bischof von Sisteron schenkte Ganagobie dem Kloster von Cluny, womit es unter den Einfluss eines reformatorischen Zweigs des Benediktinerordens gelangte. So erklärt sich die reiche Dekoration mit Fresken und Mosaiken.
Detailierte Mosaike zieren die Böden des Bauwerks
Geblieben ist von der üppigen Ausschmückung ein prächtiges Bodenmosaik in der Apsis, das größte der Romanik in Frankreich. Sagenhafte Tiere und Pflanzen bevölkern die 70 Quadratmeter große Fläche. Das Mosaik aus roten, schwarzen und weißen Marmorsteinchen steckt voller Symbole. Wie so oft zur Zeit der Romanik geht es um den Kampf zwischen Gut und Böse.
Das Land des Lavendels
Auf dem Rückweg ist genügend Zeit für einen Abstecher in das Land des Lavendels rund um Forcalquier. Der Weg über die Landstraße führt zunächst an dem Örtchen Lurs vorbei. In den frühen 1950er Jahren geriet Lurs durch einen spektakulären Mordfall in die Schlagzeilen. „Die Affäre von Dominici“ ist später in einem gleichnamigen Film mit Jean Gabin aufgegriffen worden. Der Indizienprozess beschäftigte seinerzeit lange Soziologen und Schriftsteller. Er warf ein Licht auf die archaische Welt der Bauern der Haute-Provence.

Forcalquier selbst bildet eine Art Vorposten dieser bis heute herben und einsamen Haute-Provence. Neben Ganagobie zählt die Priorei Salagon zu den schönsten romanischen Sakralbauten der Region. Sie liegt etwas außerhalb von Forcalquier. Allerdings gibt es hier längst keinen Klosterbetrieb mehr. Besonders sehenswert ist die Kirche Notre-Dame mit ihrem gewollt asymmetrischen Portal.

Kunsttempel der Moderne im Pinienhain

Kunsttempel der Moderne im Pinienhain
Für die letzten Tage geht es an die Côte d’Azur und in das unmittelbare Hinterland. Unweit von Nizza, ganz in der Nähe von Saint Paul-de-Vence, liegt die Fondation Maeght, ein außergewöhnliches Museum für moderne Kunst. Hier sollte nicht nur ein Ort geschaffen werden für die moderne Kunst, sondern zugleich für jene „arrière-monde“, jene dahinterliegende Welt, die sich früher das Übernatürliche nannte. Diesen Anspruch jedenfalls formulierte André Malraux 1964 bei der Eröffnung der Fondation Maeght. Sie gehört zu den bedeutendsten privaten Kunststiftungen Europas. Als die Pariser Kunsthändler und Sammler Marguerite und Aimé Maeght das Haus bauen ließen, arbeiteten sie nicht nur mit dem katalanischen Architekten Josep Lluís Sert zusammen. Von Anfang an waren Maler und Bildhauer an der Gestaltung des Gebäudes beteiligt: Chagall mit Mauermosaiken, Braque mit einem Mosaik-Brunnenbecken, Giacometti mit Skulpturen in einem großen Innenhof, Calder mit einem Riesen-Stabile unter freiem Himmel und Miró mit einem Labyrinth.
Auch 40 Jahre nach seinem Bau beeindruckt das Ensemble aus mehreren Ausstellungshallen, Innen- und Außenhöfen. Die Komposition aus Beton, Stahl, Glas, Naturstein und hellroten Ziegeln ist sehr harmonisch in eine idyllische Parklandschaft oberhalb von Saint Paul-de-Vence eingebettet. Die Ausstellungsräume haben keine Fenster, das Licht fällt senkrecht von oben durch Dachluken ein. Die Stiftung verfügt über mehr als 9.000 Kunstwerke der Moderne des 20. Jahrhunderts, wobei einige Künstler in den Vordergrund gestellt sind. Die Ausstellung wird jährlich umgestaltet und von Zeit zu Zeit gibt es Festivals und Tagungen, so dass ein Besuch der Fondation Maeght immer wieder neue Aspekte bietet.
Eine fantastische Landschaft


Die Stiftung erhebt auch den Anspruch, zeitgenössische Kunst zu vertreten. Dass sie dazu in der Lage ist, bewies sie mit einer Ausstellung zu Ehren von Aimé Maeght, der 2006 hundert Jahre alt geworden wäre.

Pilgerstätte für Matisse-Liebhaber

Matisse
„Aber betest Du denn?“ soll Picasso verblüfft und sogar aufgebracht gefragt haben, als er erfuhr, dass Matisse eine Kapelle ausgestalten wollte. Wusste er doch, dass sein Künstlerfreund der Kirche eher fern stand. Für einen spanischen Republikaner wie Picasso schien die Zusammenarbeit mit der Kirche undenkbar. Matisse ließ sich aber nicht beirren und antwortete wahrheitsgemäß: „Nein, nicht eigentlich, ich meditiere. Gelassenheit war mir schon immer das Höchste. Darin stehe ich dem Buddhismus näher als irgendeiner anderen Richtung.“ Einmal allerdings schrieb Matisse: „Ich glaube an Gott, wenn ich arbeite.“
Rosenkranz-Kapelle von Vence
Drei Jahre hat er mit großem Eifer an der Innengestaltung der Rosenkranz-Kapelle von Vence gearbeitet. Am Ende hielt er die zwei Glasfenster der Chapelle du Rosaire für seine schönsten Arbeiten. Sie sind in geometrischen Mustern in sattgelben, zitronengelben, königsblauen und smaragdgrünen Tönen angeordnet. Zwei Wände füllen sie fast ganz aus. Die beiden anderen Wände sind mit weißen Keramikfliesen verkleidet. Bevor sie gebrannt wurden, hat Matisse mit schwarzen Linien Figuren freihändig nach Skizzen darauf übertragen. Eine stellt die Muttergottes mit Jesuskind dar. Die Kapelle gehört zu einem Kloster von Dominikanerinnen. Eine der Nonnen pflegte den Maler, der lange schwer krank war. Als die Kapelle geweiht wurde, war Matisse bereits über 80 Jahre alt, drei Jahre später starb er.
Die Gegend um Vence ist nicht nur wegen Matisse einen Besuch wert
Die Gegend um Vence ist nicht nur wegen Matisse einen Besuch wert – hier lebten vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ständig oder zeitweise viele bekannte Künstler. Eine romanische Kathedrale ist mit einem Wandmosaik von Marc Chagall ausgekleidet. Nicht weit entfernt von Vence, am Rand des Glasbläserstädtchens Biot, kaufte der Künstler Fernand Léger kurz vor seinem Tod ein Landgut. Ganz in der Nähe ist ihm ein Museum gewidmet. Es liegt auf einem Hügel in einem angenehm schattigen Park mit Zypressen und Olivenbäumen. Die Südseite des Gebäudes schmückt ein Keramikmosaik, das Léger ursprünglich für die Stadt Hannover entworfen hat.

Yves Klein und Niki de Saint-Phalle

Das MAMAC
In Nizza lebte Matisse viele Jahre im Regina Palace, unweit davon hat die Stadt ihm in der Villa des Arènes ein Museum errichtet. Doch gerade Nizza bemüht sich seit einigen Jahren verstärkt um die jüngere Kunst. Das MAMAC, das Musée d'Art Moderne et d'Art Contemporain, beherbergt eine weit gefächerte Sammlung aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Schwerpunkt liegt bei dem Neuen Realismus und der amerikanischen Pop Art, aber auch Werke von Sol Le Witt, Richard Serra und Keith Haring sind in der Ausstellung zu sehen. Ein Glanzlicht bilden die mehr als 20 Arbeiten von Yves Klein – Klein stammt nämlich aus Nizza. Das MAMAC beherbergt auch viele farbenfrohe Plastiken der Künstlerin Niki de Saint-Phalle. Sie wurde Anfang der 50er Jahre wegen eines Nervenzusammenbruchs in einem Krankenhaus von Nizza behandelt und überwand die Lebenskrise, indem sie sich der Kunst zuwandte.
Als das MAMAC 1990 eingeweiht wurde, löste es heftige Debatten aus. Die Architektur von Yves Bayard und Henri Vidal ist kühn: Um ein verglastes Kerngebäude gruppieren sich vier massive Türme aus weißem Carrara-Marmor. Sie sind durch dicke, gewölbte Stahlbalken miteinander verbunden. Das Museum sollte eine architektonische Einheit bilden mit dem Theater aus weißem Marmor auf der anderen Seite der Esplanade des Arts. Inzwischen haben sich die Einheimischen an ihr MAMAC gewöhnt. Regelmäßige Wechselausstellungen widmen sich der Gegenwartskunst.
An der geschwungenen Mauer entlang müssen die Besucher eine Steigung bewältigen



Wer Lust hat, schaut sich auf der Rückreise die spektakulären Schluchten des Verdon an. Dann bietet sich ein Stopp im Dörfchen Quinson am Unterlauf der Gorges du Verdon an. Hier hat der Architekt Norman Foster 2001 das Musée de Préhistoire gebaut – derselbe Foster, der auch den Berliner Reichstag umgebaut hat. Foster verlängerte eine schöne alte Steinmauer und ließ sie in sein Gebäude hineinwachsen. An der geschwungenen Mauer entlang müssen die Besucher eine Steigung bewältigen und gelangen symbolisch vom Urknall bis zur Entstehung der Menschheit.